Eidgenössische Wahlen 1995
(Ce texte est seulement disponible en allemand)
[Redigierte Auszüge aus dem in Schweizerische Politik 1995 publizierten Text
(S. 50-61)]
Im Wahljahr 1995
erfreuten sich Wahlprognosen nochmals steigender Beliebtheit. Bereits im Frühjahr
wurden der SVP, der Freiheits-Partei und der SP Sitzgewinne, den Grünen
und der CVP hingegen massive Sitzverluste vorausgesagt. Auch rechnete man insgesamt
mit dem Erstarken der Regierungsparteien und Wählerverlusten der kleinen
Parteien, die bisher Proteststimmen zu binden vermochten.
Der Ausgang der Wahlen überraschte deshalb vor allem durch das Ausmass
der Sitzverschiebungen. Mit insgesamt 15 Sitzgewinnen in beiden Räten zusammen
erzielte die SP einen Erdrutschsieg und verzeichnete den grössten Mandatszuwachs
einer Partei seit 1919. Die SP gewann allerdings vor allem Sitze auf Kosten
der Grünen und der Mitteparteien, womit sich die Machtbalance zwischen
dem rechten und dem links-grünen Block nur leicht zugunsten der Linken
verändert hat. Die SVP, der aufgrund guter Ergebnisse bei vorangegangenen
kantonalen Wahlen grosse Gewinne prognostiziert worden waren, bewegte sich mit
fünf Sitzgewinnen in beiden Räten zusammen im Rahmen der Erwartungen.
Mit nur gerade einem Sitzverlust konnte sich die als Verliererin gehandelte
CVP relativ gut halten; ihr waren bis zu 15 Sitzverluste prognostiziert worden.
Dagegen kam es bei den Grünen, die ebenfalls früh zu Verlierern gestempelt
worden waren, zur befürchteten Wahlniederlage. Die FDP musste sich mit
dem vorausgesagten stagnierenden Resultat zufrieden geben. Die prognostizierte
Erstarkung der Regierungsparteien, verbunden mit der Schwächung kleinerer
Parteien, bestätigte sich, wobei durch den in dieser Grössenordnung
unvorhergesehenen Sieg der SP das Ausmass überraschte. Die Freiheits-Partei
konnte nicht an ihre Erfolge bei den kantonalen Wahlen anknüpfen und zählte
zu den überraschenden Verlierern. Allgemein war den Frauen in beiden Räten
ein gutes Resultat vorausgesagt worden, was sich bestätigte: Während
sich ihr Anteil im Nationalrat von 17,5% auf 21,5% erhöhte, was dem höchsten
Zuwachs seit Einführung des Frauenwahlrechts 1971 entspricht, verdoppelte
sich die Frauenvertretung im Ständerat.
48 Nationalräte
und 11 Ständeräte verzichteten auf eine Verteidigung ihres Mandats;
die Rücktrittsquote war damit die niedrigste seit 1983. Die Parteien waren
jedoch unterschiedlich betroffen. Die CVP mit 14 demissionierenden National-
und drei Ständeräten sowie die FDP mit 12 National- und fünf
Ständeräten verzeichneten die höchsten Rücktrittsquoten.
Bei der SP demissionierten acht Nationalräte sowie einer der drei Ständeräte.
Bei den Frauen lag die Rücktrittsquote mit fünf der 38 Frauen unter
dem Mittel. Sie war mit 13% nur halb so hoch wie jene der Männer, von denen
27% ihr Amt nicht weiterführen wollten oder, infolge einer parteiinternen
Amtszeitbeschränkung, konnten. Die durchschnittliche Amtsperiode der zurücktretenden
Nationalräte betrug knapp 11 Jahre; 10 Nationalräte verzichteten aber
bereits nach einer Amtsperiode auf eine erneute Kandidatur, darunter der populäre
Pfarrer Ernst Sieber (evp, ZH). Im Ständerat verzichtete der einzige Lega-Vertreter
nach nur einer einzigen Amtsperiode auf eine Wiederwahl. In den Kantonen Luzern
und Tessin waren gleich beide Standesvertreter neu zu besetzen.
Zu den Demissionierenden gehörten zahlreiche prominente Parlamentsangehörige.
Mit dem Präsidenten des Schweizer Gewerbeverbandes Hans Rudolf Früh
(fdp, AR), dem langjährigen Direktor der Arbeitgeber-Organisationen Heinz
Allenspach (fdp, ZH) und Ernst Cincera (fdp, ZH) schieden bekannte Wirtschaftsvertreter
aus dem Rat. Edgar Oehler (cvp, SG) und Franz Jäger (ldu, SG) verliessen
den Nationalrat nach 24 Jahren, Jäger bereits auf die Sommersession hin.
Als weitere Prominente traten etwa alt CVP-Präsidentin Eva Segmüller
(SG), SP-Fraktionschefin Ursula Mauch (AG), der verhinderte Bundesrat Francis
Matthey (sp, NE), Geneviève Aubry (fdp, BE) und Leni Robert (gp, BE)
zurück. Im Ständerat fielen die Rücktritte von Otto Piller (sp,
FR), Gilles Petitpierre (fdp, GE), Ernst Rüesch (fdp, SG) sowie den früheren
Ständeratsvorsitzenden Riccardo Jagmetti (fdp, ZH) und Josi Meier (cvp,
LU) ins Gewicht.
Die Zahl der Kandidaturen
erreichte 1995 neue Rekordwerte. 2834 Kandidierende, davon 990 Frauen, bewarben
sich in den 21 Proporzkantonen um einen Nationalratssitz. Damit betrug die Zunahme
der Kandidaturen gegenüber der letzten Wahl 273 Personen oder 10,7%. Fast
die Hälfte der Kandidierenden stammte aus den Kantonen Zürich und
Bern (805 bzw. 583 Bewerbungen), während der Jura nur gerade 8 Kandidaten
zählte. Von den Parteien kandidierten die FDP und die SP in allen 21 Proporzkantonen.
Die CVP trat wie vor vier Jahren in Neuenburg und Schaffhausen nicht an, stellte
mit 375 Personen aber am meisten Kandidatinnen und Kandidaten. Die SVP und die
Grünen kandidierten in 16 Kantonen, die Schweizer Demokraten in zwölf.
Die erstmals kandidierende Naturgesetz-Partei, welche in 12 Kantonen Listen
einreichte, überflügelte sogar die Freiheits-Partei, die es auf 11
Kantone brachte.
Die Beteiligung der Frauen an den Kandidaturen betrug mit 34,9% (1991: 32,6%)
erstmals mehr als ein Drittel. Die meisten Frauenkandidaturen wies Basel-Stadt
mit 50% auf, gefolgt, eher überraschend, vom Kanton Graubünden. Den
niedrigsten Anteil an Kandidatinnen wies Schwyz mit 14,3% auf. Neben den 5 Unabhängigen
Feministischen Frauenlisten (AG, BS, GR, LU und ZH), die nur Frauen aufstellten,
wiesen die Grünen mit 50,7% den höchsten Frauenanteil auf, gefolgt
von der SP mit 46,6%. Die bürgerlichen Bundesratsparteien, die einen Kandidatinnenanteil
von mindestens einem Drittel angestrebt hatten, erreichten ihre Ziele nur teilweise:
Während die CVP einen Frauenanteil von 35,2% erreichte, lag derjenige der
FDP bei 29,5%. Die SVP schickte von den Bundesratsparteien mit 20,7% am wenigsten
Kandidatinnen ins Rennen. 22 Kandidaten liessen sich auf Listen ausserhalb ihres
Wohnsitzkantons setzen.
Die Zahl der Doppelkandidaturen war genau gleich gross wie 1991: 32 Kandidierende
liessen sich für beide Kammern aufstellen, darunter 10 amtierende Nationalrätinnen
und -räte. Als schweizerische Premiere war die Kandidatur von acht Auslandschweizern
zu verzeichnen.
Parallel zu den Kandidaturen nahm auch die Zahl der Listen nochmals zu: 278
Listen (1991: 248) wurden registriert, obwohl die Unterschriftenzahl, die für
die Einreichung einer Liste erforderlich ist, erhöht worden war. Mit je
27 Listen stellten die Kantone Zürich und Bern die grösste Anzahl,
der Kanton Jura mit vier die kleinste. In sieben Kantonen setzten Parteien auf
geschlechtsgetrennte Listen: Die SP trat mit fünf (BE, FR, GE, TH, SG),
die CVP mit drei (AG, SG, VD) und die Grüne Partei mit zwei (SG, TH) getrennten
Frauen- und Männerlisten an.
Die Zahl der Listenverbindungen nahm gegenüber 1991 ebenfalls zu: 56 (54)
Listenverbindungen wurden registriert; die Anzahl der Listenunterverbindungen
stieg, trotz restriktiveren Bedingungen als bisher, auf 40 (31) an. Erstmals
waren keine Unter-unter-Listenverbindungen mehr erlaubt.
SP und Grüne kooperierten intensiv. Die Grünen, die in 16 Kantonen
antraten, verbanden ihre Listen ohne Ausnahme mit der SP. Bereits 1991 waren
die Grünen eifrige Mitstreiter zur Linken. In Basel-Stadt gingen sie damals
allerdings noch mit dem LdU und der EVP eine "Zweckehe" ein. 1995 gingen SP
und Grüne – mit Ausnahme der Waadt – ausserdem überall, wo die PdA
antrat, eine Listenverbindung mit den Kommunisten ein. Auch von den fünf
Unabhängigen Feministischen Frauenlisten gingen mit Ausnahme des Kantons
Aargau alle eine Verbindung mit SP und Grünen ein.
Das bürgerliche Lager präsentierte sich punkto Listenverbindungen
nicht nur heterogener als die Linke, sondern auch weniger kompakt als noch vor
vier Jahren. Gegenüber 1991 sind die Bündnisse zwischen FDP, CVP und
SVP in den Kantonen Zürich und Graubünden geplatzt. Nur noch in Baselland,
im Aargau, im Thurgau und in der Waadt (dort zusätzlich mit den Liberalen)
marschierten die drei bürgerlichen Bundesratsparteien zusammen. Die FDP
ging in sieben Kantonen mit der CVP eine Listenverbindung ein, in je sechs Kantonen
mit der SVP und den Liberalen. Letztere marschierten ausser in Zürich überall,
wo sie antraten, gemeinsam mit der FDP. Zum Bruch zwischen der FDP und der SVP
kam es im Kanton Zürich. Im Kanton Schaffhausen ging die FDP nicht nur
mit der SVP, sondern – erstmals überhaupt – mit der Freiheits-Partei ein
Listenbündnis ein. Auffälligstes Merkmal bei den Listenverbindungen
der CVPwar, dass sie sich in ihrer Hochburg Freiburg erstmals mit der FDP verbunden
hat. In vier Kantonen verband sie sich mit der SVP und in drei Kantonen mit
den Liberalen. Zur sogenannten politischen Mitte hielt sie Distanz: Sie verband
sich nur gerade in Zürich mit dem LdU und der EVP. Die SVP schliesslich
setzte sich in den Kantonen Zürich, Solothurn und Schaffhausen ins selbe
Boot mit der Freiheits-Partei. In Luzern und Solothurn sind die Listen zusätzlich
mit den Schweizer Demokraten verbunden worden. Diese Annäherung der SVP
an die Rechtsparteien korrespondierte mit der Absetzbewegung von der FDP: 1991
hatte die SVP ihre Listen noch in zehn Kantonen mit jenen der Freisinnigen verbunden;
nunmehr waren es noch sechs. Die Freiheits-Partei und Schweizer Demokraten verbanden
ihre Listen in sieben Kantonen; im Kanton Aargau gesellte sich noch die Katholische
Volkspartei, die sich 1994 von der CVP abgespalten hatte, dazu. LdU und EVP,
die im Nationalrat seit 1979 eine Fraktion bilden, verbanden ihre Listen lediglich
in den Kantonen Zürich und Aargau. In Bern und St. Gallen gondelte der
Landesring in rot-grünem Fahrwasser mit, während die EVP solo antrat.
Im Kanton Baselland traten ebenfalls beide Parteien an, gingen aber weder untereinander
noch mit anderen Parteien Listenverbindungen ein.
Gemäss Wahlkampfbeobachtern
setzte sich der Trend zur Personalisierung und Entthematisierung im Wahlkampfjahr
1995 fort. Nicht mehr in erster Linie Inhalte, sondern Ereignisse, die von einzelnen
Personen gezielt geschaffen wurden, zählten. Mehr denn je fand der Wahlkampf
denn auch in den Medien statt, die flexibel auf Ereignisse und ihre Akteure
reagieren konnten, während Wahlveranstaltungen und Wahlplakate auf wenig
Interesse stiessen. In Anspielung auf die vom Konzept her nicht unumstrittene
Fernsehsendung "Arena", die gemäss ihren Kritikern die politische Debatte
emotionalisiert, personalisiert und polarisiert, wurde dem Wahlkampf verschiedentlich
eine "Arenisierung" vorgeworfen.
Zentrales Ereignis des Wahlkampfs, das sämtliche Wahlkampfkonzepte über
den Haufen warf, war der am 30. August überraschend bekanntgegebene Rücktritt
von SP-Bundesrat Otto Stich. Damit wurde der Wahlkampf mit einer Personalfrage
überlagert, welche Sachfragen weitgehend verdrängte. Auf einen Schlag
rückte die SP in den Mittelpunkt des Interesses, und sie nutzte danach
während Wochen konsequent die Gelegenheit, sich als diejenige Partei darzustellen,
die über eine grosse Anzahl von bundesratsfähigen Köpfen verfügt.
Bis zur Wahl von Moritz Leuenberger (ZH) Ende September konzentrierte sich die
Aufmerksamkeit der Medien denn auch auf die Bundesratswahlen. Der SP wurde vorgeworfen,
diesen Rücktritt bewusst so terminiert zu haben.
In den Hintergrund gedrängt wurde dabei insbesondere die SVP, deren von
der Zürcher SVP und ihrem Exponenten Christoph Blocher dominierte konservative
Parteiflügel zuvor einmal mehr mit polarisierenden Inseraten die Öffentlichkeit
gespalten hatte. So zeigten die "Stiefel-Inserate" einen die Europäische
Union symbolisierenden Stiefel, der auf einen Schweizer Stimmzettel tritt. Den
Linken und anderen Europa-Befürwortern warf die Zürcher SVP "Heimatmüdigkeit"
vor und meinte damit nicht zuletzt die FDP und die CVP. Andere Inserate karikierten
die Europäische Union als Geldschluckerin und beschuldigten EU-befürwortende
Parteien, den Schweizer Franken abschaffen zu wollen. Die NZZ boykottierte das
"Stiefel-Inserat", da es die EU als Diktatur hinstelle und Assoziationen an
Karikaturen aus der Zeit des Nationalsozialismus erwecke. Die Zürcher FDP
kündigte aus Protest sogar das traditionelle Wahlbündnis mit der kantonalen
SVP. Diese ging daraufhin entgegen dem Wunsch der nationalen SVP-Leitung eine
Listenverbindung mit der Freiheits-Partei ein. Auch die Berner SVP distanzierte
sich vom Stiefelinserat. Schlagzeilen erhoffte sich die Zürcher SVP auch
von ihrer Kundgebung "Ja zur Schweiz – Nein zum EWR/EU-Beitritt" Ende September
in Zürich, die über 10 000 Menschen anzog. Eine von der SP organisierte
Gegendemonstration "für eine offene und tolerante Schweiz", an der Bundesrat
Stich teilnahm, sowie Gewaltausschreitungen rechter und linker Extremisten fanden
bei der Öffentlichkeit dann aber mindestens ebensoviel.
Die Parteien liessen
sich ihre Wahlkampagne insgesamt über 15 Mio Fr. kosten (1991: rund 13
Mio Fr.). Während SP, FDP und CVP über ungefähr die selben finanziellen
Mittel – nach eigenen Angaben rund 2,5 Mio Fr. – auf nationaler und kantonaler
Ebene verfügten, gab die SVP ihre Mittel mit 2,2 Mio, der LdU mit 2 Mio
Fr. an. Die restlichen Parteien hatten nach eigenen Angaben insgesamt weniger
als eine Million zur Verfügung. Die Gesamtkosten des Wahlkampfs wurden
von PR-Experten aber auf das doppelte bis sechsfache der Parteiausgaben geschätzt,
zumal manche Kandidierende selbst mehrere zehntausend Franken in den Wahlkampf
investierten. Insbesondere in Basel, wo der freisinnige Ciba-Werkleiter Johannes
R. Randegger eine äusserst aufwendige Eigenwerbung betrieb, gab die Ungleichheit
der finanziellen Mittel der Kandidierenden zu Kritik Anlass. Die linken Abgeordneten
legten im Grossen Rat Protest ein.
Die Europafrage
bildete ein wichtiges, wenn nicht das zentrale Sachthema des Wahlkampfs, obwohl
die FDP und die CVP sich vor der Wahl auf einen europapolitischen "Burgfrieden"
verständigt hatten. Die SP als klare Befürworterin eines Beitritts
der Schweiz zur Europäischen Union bis zum Jahr 2000 und die SVP als vehemente
Gegnerin bestanden aber auf der Thematisierung dieser Frage, und die Hauptfronten
des Wahlkampfs verliefen denn auch zwischen diesen beiden Parteien. Der FDP
und der CVP, die in der Europafrage gespalten sind, wurde vorgeworfen, keine
klare Stellung zu beziehen.
Vor dem Hintergrund einer stagnierenden Wirtschaft und einer für die Schweiz
ungewohnt hohen Arbeitslosigkeit waren ausserdem arbeitsmarkt- und sozialpolitische
Fragen Wahlthema. Die SP führte ihren Wahlkampf unter dem Slogan "Die Schweiz
muss wieder sozialer werden" und forderte einen weiteren Ausbau des Sozialstaats
sowie die gerechtere Verteilung von Arbeit und Wohlstand. Demgegenüber
postulierten die bürgerlichen Parteien die Konsolidierung des Sozialstaats
sowie Deregulierung und mehr Wettbewerb, um neue Stellen zu schaffen. Gleichzeitig
wurden die darbenden Bundesfinanzen thematisiert. Während die Sozialdemokraten
neue Steuern vorab für Reiche forderten, schlossen die bürgerlichen
Parteien neue Steuern aus.
Die Freiheits-Partei versuchte mit einer aggressiven Inseratekampagne unter
dem Motto "Das Boot säuft ab" die Ausländer- und Asylpolitik in der
Schweiz zum Thema zu machen. Erneut gegen die Überfremdung in den Wahlkampf
zogen auch die Schweizer Demokraten. Sie lancierten im Rahmen ihrer Wahlkampagne
eine neue Volksinitiative, die verlangt, dass nur soviele Ausländer in
die Schweiz eingelassen werden wie ausreisen.
Die Sozialdemokratinnen lancierten unter dem Motto "SP-Frauen reden Klartext
von A bis Z" eine eigenständige Kampagne und postulierten als Zielsetzung
Frauenlisten, eine 50-Prozent-Quote und Spitzenplätze auf den Wahllisten.
Die Frauen der CVP, FDP und SVP führten zwar keinen gemeinsamen Wahlkampf,
organisierten aber einen gemeinsamen Auftritt unter dem nicht unumstrittenen
Slogan "Hart sein – Frau bleiben" und unterstrichen die partnerschaftliche Ausrichtung
bürgerlicher Frauenpolitik.
Gegenüber
den Wahlen von 1991 verringerte sich die Wahlbeteiligung nochmals um 3,7 Prozentpunkte
auf 42,3%, den historisch niedrigsten Beteiligungswert seit Einführung
des Proporzes. Nur gerade in fünf Kantonen (UR, OW, NW, AR und BS) lag
die Wahlbeteiligung gegenüber den Nationalratswahlen 1991 höher. Einen
bisher noch in keinem Kanton erreichten Tiefstwert musste mit 17,5% Appenzell-Innerrhoden
verzeichnen, während Schaffhausen seinen Spitzenplatz mit 64,4% behielt.
Gesamthaft reduzierte sich die Wahlbeteiligung in der Romandie um 4 Prozentpunkte,
in der deutschsprachigen Schweiz um deren sechs. Drastisch – um 15 Prozentpunkte
– sank die traditionell hohe Wahlbeteiligung im Tessin, was damit zusammenhängen
dürfte, dass die Protestbewegung Lega dei Ticinesi nicht mehr die selbe
Dynamik wie 1991 in die Wahlen einbringen konnte.
Erstmals waren
auch die Auslandschweizer zu den eidgenössischen Wahlen zugelassen. Von
rund 392 000 wahlberechtigten Auslandschweizern hatten sich 59 868 (15,3%) bei
den Gemeinden zur Wahlteilnahme eingeschrieben. Eine Wahlanalyse der Auslandschweizer
ist aber insofern schwierig, als nur gerade die Kantone Genf, Luzern und Waadt
die Auslandschweizer separat erfassten. In diesen drei Kantonen zusammen unterschieden
sich die eingeschriebenen resp. teilnehmenden Auslandschweizer bezüglich
Beteiligung und politischen Präferenzen nicht wesentlich von den Einheimischen.
Laut einer Stichprobenumfrage der Schweizerischen Depeschenagentur dürfte
die durchschnittliche Beteiligung der eingeschriebenen Auslandschweizer rund
38% betragen haben. Erstmals galt in der ganzen Schweiz die Möglichkeit
der Briefwahl, die allerdings nicht zum erhofften Anstieg der Wahlbeteiligung
geführt hat.
Als Hauptmotiv
für die Wahlabstinenz gaben Nichtwählende die Anonymität und
die fehlende oder nicht hinreichende Glaubwürdigkeit der politischen Akteure
sowie fehlendes politisches Interesse an. Erst danach folgte das Argument der
Komplexität des Wahlsystems. Die Wählenden gaben als Hauptmotiv die
Möglichkeit zur Mitbestimmung an. Untervertreten an der Urne waren diejenigen
Wählerinnen und Wähler, die sich in der politischen Mitte einordnen.
Die städtische und die ländliche Bevölkerung gingen ungefähr
gleich stark zur Urne. Eine grosse Mehrheit der Wählenden wie auch der
Nichtwählenden beurteilte die Wichtigkeit von Wahlen im Vergleich zu Sachabstimmungen
klar als zweitrangig.
Rund zwei Drittel
der Wählenden nahmen Listenveränderungen vor, wobei am meisten kumuliert
wurde, gefolgt vom Streichen und dem Panaschieren. Die Unterschiede zwischen
den einzelnen Parteien waren gering. Als Hauptgrund für die Wahl oder Nichtwahl
eines Kandidaten wurde die Vertretung der Interessen des Wählenden sowie
die Persönlichkeit und die bisherigen Leistungen der Kandidaten genannt.
Mit deutlichem Abstand folgen die namentliche Bekanntheit und die Parteizugehörigkeit
sowie das Geschlecht des Kandidaten.
Handelte es sich
bei den Nationalratswahlen 1991 um eigentliche Protestwahlen, bei denen populistische
und rechtsnationalistische Parteien und die Grünen als Sieger hervorgingen,
so waren die Nationalratswahlen 1995 durch den Erfolg der Regierungsparteien
geprägt, als Folge der Stärkung der Flügelparteien SP und SVP.
Die SP konnte 13 Mandate dazugewinnen und erreichte damit einen seit Einführung
der Proporzwahl 1919 nie dagewesenen Erdrutschsieg. Seit 1971, als die extreme
Rechte zehn Sitze gewann, war es nie mehr zu einer derartigen Verschiebung gekommen.
Die SVP konnte vier Mandate zulegen, die FDP eines, während die CVP wider
aller pessimistischen Prognosen nur gerade ein Mandat verlor. Die Medien stuften
den Ausgang der Wahlen als widersprüchlich ein: Befürchtungen dominierten,
dass die Polarisierung innerhalb des Regierungslagers zu einer Verhärtung
der politischen Auseinandersetzung und einer Erschwerung des Regierens führen
würde. Ausserdem wurde auf einen vertieften Stadt-Land-Graben aufmerksam
gemacht, da die SP besonders in den Städten und Agglomerationen, die SVP
in den ländlichen Regionen zugelegt hat. Dieser Graben deckt sich in etwa
mit demjenigen der Europabefürworter, welche die SP vertritt und der Europagegner,
für die sich die SVP stark macht. Entsprechend wurden die Wahlen auch als
Wahlen im Zeichen Europas gewertet. Sieger seien heute jene, die gestern den
Mut hatten, offen zur Europafrage Stellung zu nehmen, lautete der Tenor in den
Medien. Dabei schwangen Befürchtungen obenaus, dass mit den Wahlsiegern
SP und SVP eine Deblockierung der Europafrage erschwert werde. Von FDP und CVP
wurde die vermehrte Übernahme einer Vermittlerrolle verlangt.
Die Nationalratswahlen
1995 haben in der im internationalen Vergleich stabilen Schweizer Parteienlandschaft
einige historisch bedeutsame Akzente gesetzt: Mit einem Zuwachs von 3,3% Wähleranteil
auf 21,8% wurde die SP erstmals seit 1979 wieder wählerstärkste Partei.
Dies geschah auf Kosten der FDP, die auf 20,2% Wähleranteil (-0,8%) sank,
durch Proporzglück aber trotzdem ein Mandat zulegte. Von teilweise ausgesprochenem
Glück profitierte aber auch die SP, denn ihre 13 Sitzgewinne liegen weit
über dem, was aufgrund der höheren Wählerstärke erwartet
werden konnte. Sie profitierte insbesondere vom homogenen Auftreten der Linken
(vgl. oben, Listenverbindungen). Die FDP und die SP verfügen denn mit je
sechs auch über die meisten Restmandate. Trotz ihrem massiven Zuwachs um
13 auf 54 Nationalratsmandate, die sie zur stärksten Partei im Nationalrat
macht, bleiben die Sozialdemokraten knapp unter dem Spitzenresultat von 1943,
als sie 56 Sitze erobert hatten. Ihre neuen Sitze holten sie sich in Zürich,
Bern und Basel-Stadt (je zwei) sowie in Zug, Solothurn, St. Gallen, Aargau,
Tessin, Genf und Jura; im Kanton Schwyz verloren sie einen Sitz.Die FDP erzielte
je einen Mandatsgewinn in Luzern, Nidwalden, Neuenburg und Genf, verlor aber
in Zürich, Baselland und Jura je einen Sitz.
Mit neu 16,8% (-1,2%)
sank neben der FDP auch die CVP, die sich im Wahlkampf als "Kraft im Zentrum"
zu präsentieren versuchte, auf ihren Tiefstwert seit Einführung des
Proporzsystems 1919 ab. In Luzern, Nidwalden, Basel-Stadt, St. Gallen und Genf
verlor sie Sitze, war aber in Freiburg, Baselland und Waadt erfolgreich. Die
1994 gegründete Katholische Volkspartei (KVP) war landesweit zwar wenig
erfolgreich, ihre Stimmgewinne gingen aber überwiegend zu Lasten der CVP.
Die SVP, die in
den letzten Jahren erfolgreich "Protestthemen" der rechten Aussenseiterparteien
aufgenommen hatte, konnte sich um 3 Prozentpunkte auf 14,9% verbessern – ein
Ergebnis, das sie seit den dreissiger Jahren nicht mehr erreicht hatte – und
näherte sich bis auf knapp 2 Prozentpunkte der CVP an. Zu beachten ist,
dass sich die SVP mit fünf neu gegründeten Kantonalparteien (AR, LU,
SG, SO und ZG) an den Wahlen beteiligte und damit das gesamtschweizerische Ergebnis
der SVP um volle 2 Prozentpunkte verbesserte. Die SVP brach erfolgreich in traditionelle
Innerschweizer CVP-Stammlande ein und gewann Mandate in Luzern, Schwyz, Appenzell-Ausserrhoden
und St. Gallen. Weiter gewann sie ein Mandat in Zürich, verlor aber eines
in Freiburg. Damit legte der von Christoph Blocher dominierte konservative Parteiflügel
der SVP zu, während der liberale Flügel stagnierte. In den drei Kantonen
Glarus, Basel-Stadt und Genf ist die SVP nicht mehr angetreten.
Mit einem Wähleranteil von 73,7% (1991: 69,4%) und siebzehn Mandatsgewinnen
kommen die Regierungsparteien neu auf 162 Nationalratsmandate, was einer Bestätigung
der Zauberformel, aber immer noch dem drittschlechtesten Ergebnis der Regierungsparteien
seit Einführung der Zauberformel 1959 entspricht. Vor vier Jahren hatten
die Bundesratsparteien mit 147 Mandaten das schlechteste Resultat seit 1959
erzielt.
Im rot-grünen
Lager büsste die Grüne Partei als grösste Verliererin der Nationalratswahlen
sechs Mandate ein (-1,1%; neu 5%) und bleibt mit acht Sitzen nur noch im Nationalrat
stärkste Nichtregierungspartei. In der Vereinigten Bundesversammlung wurde
sie von den Liberalen überholt. Den stärksten Einbruch erlitt die
Grüne Partei im Kanton Bern mit drei Sitzverlusten, je einen Sitz verlor
sie in Solothurn, Thurgau und Genf. Die grünen Sitze gingen zumeist an
die SP, der von den Wählern in arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Fragen
die grössere Kompetenz zugemessen wurde. Weiter dürfte auch die unklare
Europahaltung der Grünen Ursache der Wählerverluste sein sowie die
Tatsache, dass die GPS in acht Kantonen Konkurrenz durch ein Bündnis erhielt,
in dem sich verschiedene kantonale feministische und grün-alternative Gruppierungen
zusammengeschlossen hatten (FGA). Diese stehen in der Nachfolge des grün-alternativen
Wahlbündnisses von 1991 DACH ("Die andere Schweiz") und holten landesweit
1,5% (1991: 1,3%) der Stimmen. Für diese feministischen und grün-alternativen
Gruppierungen ziehen weiterhin eine FraP!-Vertreterin (ZH) sowie neu eine Vertreterin
des Grünen Bündnis (BE) in den Nationalrat ein. Im Kanton Genf konnte
die PdA im Rahmen der "Linksallianz" ein Mandat hinzugewinnen und hält
neu insgesamt drei Sitze (1,2%; 1991: 0,8%). Im Kanton Waadt konnte sie ihren
Wähleranteil von 4,3% auf 8,9% erhöhen. Damit ist die PdA neben der
EDU die einzige Nichtregierungspartei, die zulegen konnte.
Während das
rot-grüne Lager insgesamt mit acht zusätzlichen Mandaten gestärkt
wurde, schrumpfte das Zentrum weiter: Der LdU verlor in Basel-Stadt und St.
Gallen je einen Sitz und sank mit einer Parteistärke von neu 1,8% (2,8%)
auf den Tiefstwert seit seiner Gründung im Jahr 1936. Die EVP verfügt
nach einem Sitzverlust noch über zwei Mandate und zog mit einem Wähleranteil
von ebenfalls 1,8% (1,9%) mit Fraktionspartner LdU gleich. Den rechten Oppositionsparteien,
die bei den letzten Wahlen vom Klima der Verunsicherung profitieren konnten,
grub die SVP das Wasser ab: Die Freiheits-Partei, die ihre Abordnung 1991 auf
8 Mandate hatte vervierfachen können, verlor je einen Sitz in Zürich
und Bern, gewann aber einen im Thurgau. Sie rutschte von 5,1% auf 4% ab. Die
Schweizer Demokraten verloren wie die Freiheits-Partei in Zürich und Bern
je ein Mandat (-0,3%; neu 3,1%) und sind mit drei Sitzen nicht mehr in Fraktionsstärke
vertreten. Die Tessiner Protestbewegung Lega verlor einen ihrer zwei Sitze (-0,5%),
während im Kanton Bern Werner Scherrer den einzigen EDU-Sitz halten konnte.
Als einzige der vier Parteien verzeichnete die EDU einen leichten Wählergewinn
(+0,3%). Gegenüber 1991 verloren die rechten Oppositionsparteien insgesamt
1,6 Prozentpunkte. Die Liberalen verloren in Genf, Waadt und Neuenburg je einen
Sitz (-0,3%; neu 2,7%). In Bern und Zürich, wo sie zum ersten Mal antraten,
erzielten sie nur bescheidene Ergebnisse.
Die Zahl der nicht
Wiedergewählten lag mit 19 Nationalräten (1991: 14) hoch. Darunter
befanden sich prominente Wahlopfer wie Hugo Wick (cvp, BS) und Arthur Züger
(sp, ZG). Von der Lega dei Ticinesi wurde der erst im Sommer nachgerückte
und in Strafverfahren verwickelte Giuliano Bignasca nicht wiedergewählt.
Aufgrund der sechs Sitzverluste ihrer Partei verloren fünf bisherige Grüne,
darunter Rosmarie Bär (BE) und Marguerite Misteli (SO), ihr Mandat. Barbara
Eberhard-Halter (SG) konnte ihr erst im Sommer von Franz Jäger übernommenes
LdU-Mandat nicht halten. Mit sieben (1991: 5) Nationalrätinnen lag der
Anteil der abgewählten Frauen einmal mehr höher als derjenige der
Männer, was aber auch damit zusammenhängt, dass die Grünen als
Partei mit dem höchsten Frauenanteil die grossen Verlierer der Wahlen waren;
vier der fünf verlorenen grünen Mandate gehörten Frauen.
Auch viele kandidierende
prominente Persönlichkeiten schafften den Sprung in den Nationalrat nicht.
Der Präventivmediziner Felix Gutzwiller (ZH), der Direktor des Schweizerischen
Gewerbeverbandes Pierre Triponez (BE) und der Präsident der Comptoir Suisse,
Antoine Hoefliger (VD), hatten erfolglos für die FDP kandidiert, der Chef
des Paraplegikerzentrums Nottwil, Guido A. Zäch (AG), für die CVP
und Tour de Suisse-Direktor Hugo Steinegger (BE) sowie Fussballschiedsrichter
Kurt Röthlisberger (AG) für die SVP. Der Fernsehprominente Anton Schaller
(ZH), der sich für den LdU hatte aufstellen lassen, schaffte die Wahl ebenso
wenig wie die Generalsekretäre von CVP, FDP und GP sowie die Generalsekretärin
der SVP.
Im Kanton Zürich
verzichteten die bürgerlichen Parteien CVP und FDP wegen den oben erwähnten
"Stiefelinseraten" auf das traditionelle Wahlbündnis mit der SVP. Während
die FDP ihren Alleingang mit einem Sitzverlust bezahlte, konnte die CVP ihre
beiden Sitze im Zusammenschluss mit den Mitteparteien halten. Die SVP, die eine
Listenverbindung mit der Freiheits-Partei eingegangen war, konnte mit einem
Mandatsgewinn und einem Stimmenzuwachs von 5,3% (25,5%) ihren Vorsprung auf
die anderen bürgerlichen Parteien weiter ausbauen; ihr Exponent Christoph
Blocher erzielte mit 126 524 Stimmen die mit Abstand höchste gesamtschweizerische
Stimmenzahl. Die Sozialdemokraten, die vom geschlossenen Auftreten der Linken
profitierten, machten zwei Sitzgewinne (+4,3%, neu 23,1%) und zogen mit der
SVP gleich. Von neun Vertretern schicken sie gleich sechs Frauen, davon fünf
neu, in den Nationalrat. Ihren einzigen Sitz halten konnte die Frauenpartei
Frap!, während die Freiheits-Partei, die Schweizer Demokraten und die EVP
ihre zweiten Sitze verloren.
Im Kanton Aargau,
wo ein 15. Sitz neu zu vergeben war, kandidierte eine Rekordzahl von 218 Personen
auf 19 Listen. Das Rennen um den neuen Sitz machte schliesslich die SP, während
die restliche parteipolitische Verteilung der Mandate unverändert blieb.
Mit zwei Sitzgewinnen triumphierten die Sozialdemokraten in ihrer einstigen
Hochburg Basel-Stadt. Sie konnten den freiwerdenden LdU-Sitz gewinnen sowie
der CVP ihren einzigen Sitz abnehmen und halten nun mit einem Wähleranteil
von 35,5% vier der sechs Nationalratssitze. Dabei profitierte die SP von der
gemeinsamen Liste mit den Grünen, Basta (Basels starke Alternative), Solidarität
und der neuen PdA. In Baselland hatte FDP-Nationalrat Christian Miesch nach
parteiinternen Differenzen eine eigene "Freie Bürgerliche Liste" aufgestellt,
die von der ehemals berntreuen FDP Laufental unterstützt wurde. Miesch
schaffte die Wiederwahl nicht, nahm der FDP Baselland aber entscheidende Stimmen
ab, denn diese verlor ihren zweiten Sitz an die nach vier Jahren nun wiedervertretene
CVP. In Solothurn nahm die SP den Grünen ein Mandat ab.
Im Kanton Bern,
wo wegen der Bevölkerungsentwicklung und der Abtrennung des Laufentals
zwei Mandate weniger als vor vier Jahren zu vergeben waren, erlebte die Freie
Liste mit dem Verlust von drei der bisher vier Mandate ein eigentliches Debakel.
Dabei fiel einerseits der Rücktritt der bisherigen "Wahllokomotive" Leni
Robert ins Gewicht, andererseits konkurrenzierte sich die Freie Liste selbst
durch die Seniorenliste FL 60 Plus. Einen Sitzgewinn machte aber die zweite
grüne Kraft Berns, das Grüne Bündnis, das neu in den Nationalrat
einzieht. Die SP gewann gar zwei Mandate hinzu (neu 24,7%). Die Rechtsaussenparteien
Schweizer Demokraten und Freiheits-Partei, die bei den letztjährigen Grossratswahlen
mit sechs Sitzgewinnen noch die grossen Siegerinnen waren, verloren je einen
Sitz, allerdings weitgehend aufgrund von Proporzpech. Die SVP – deren traditionelle
Listenverbindung mit der FDP anders als in Zürich problemlos zustande kam
– blieb mit einem Stimmenanteil von 26% die stärkste Kraft im Kanton. Neu
ist der Berner Jura anstelle von drei nur noch mit einem Nationalrat, Walter
Schmied (svp), vertreten.
In der Ostschweiz
kam es zu einem Rechtsrutsch. Die erstmals antretende SVP gewann in St. Gallen
und Appenzell Ausserrhoden je einen Sitz und erbte damit in Ausserrhoden den
seit 87 Jahren traditionellen linken Sitz, der durch den Rücktritt des
parteilosen Herbert Mäder frei geworden war. Mit Dorle Vallender (fdp)
entsendet der Halbkanton die erste Frau in den Nationalrat. Im Thurgau konnte
die Freiheits-Partei den Grünen einen Sitz abnehmen. In St. Gallen gewannen
neben der SVP die SP-Männer einen Sitz, während CVP und LdU je einen
verloren. Nationalrat Josef Kühne (cvp), der von seiner Partei wegen Amtszeitbeschränkung
nicht mehr aufgestellt worden war, schaffte die Wiederwahl mit einer eigenen
Liste CVP Linth.
Auch in der Zentralschweiz verspürte die SVP Aufwind. Im Kanton Luzern
gewann die erstmals antretende SVP den neuen zehnten Sitz und etablierte sich
damit noch vor der SP als dritte Kraft (14,1%), während die CVP von einem
Wähleranteil von 48,6% auf 37,3% absackte und einen Sitz an die FDP verlor.
In Schwyz konnte die SVP mit einem Erdrutschgewinn von +12,3% (21,5%) der SP,
die dieses Mal ohne Listenverbindung mit den Grün-Alternativen ins Rennen
gestiegen war, ihren Sitz wegnehmen. In Nidwalden ging eine über 123jährige
Tradition zu Ende: der einzige Nationalratssitz ging von der CVP an die FDP,
die in Edi Engelberger, Landammann und Präsident des Schweizer Skiverbandes,
einen populären Kandidaten hatte. Den hartumkämpften dritten Sitz,
der Zug neu zugesprochen worden war, ergatterte die SP mit Hilfe der Sozialistisch-Grünen
Alternative (SGA).
In Graubünden
drehte sich der Wahlkampf um den freigewordenen zweiten SP-Sitz, den Martin
Bundi während zwanzig Jahren gehalten hatte. Nachdem die CSP 1991 eine
Listenverbindung mit dem linken Spektrum eingegangen war, entschied sie sich
für die Wahlen 95 wieder für ein Zusammengehen mit der CVP. Die verärgerte
SVP sprengte daraufhin den Bürgerblock CVP/CSP, SVP und FDP; die bürgerlichen
Parteien marschierten alleine. Lachende Profiteurin war das geschlossene links-grüne
Spektrum, da damit die SP zu einem Restmandat kam. Im Wallis versuchte die SP
mit einem waghalsigen Manöver, einen zweiten Nationalratssitz zu erobern:
Sie trat mit zwei getrennten Listen fürs Ober- und Unterwallis an, um auch
Personen zu mobilisieren, die bisher Stimmenthaltung übten. SP-Präsident
und Oberwalliser Peter Bodenmann wurde trotz des potentiellen Wählerübergewichts
der Unterwalliser SP-Liste wiedergewählt; die Sitzverteilung im Wallis
blieb allerdings unverändert.
In der Romandie
waren die Liberalen mit drei Sitzverlusten die klaren Verlierer der Wahlen.
Zumindest in Genf spielte der "Brunner-Effekt": die neben dem Nationalrat auch
in den Ständerat gewählte Christiane Brunner verhalf der SP-Frauenliste
gleich zu zwei Sitzgewinnen. Je einen Sitzgewinn machten die PdA/Linksallianz
und die FDP, während die Grünen, die CVP und die Liberalen einen Sitz
verloren. Damit ist Genf, das sich vor zwei Jahren für eine rein bürgerliche
Regierung entschieden hatte, im Nationalrat mehrheitlich durch die Linke vertreten.
Erstaunlich stabil blieb die Situation in der Waadt: Nur von den Liberalen verschob
sich ein Sitz zur CVP, die im Programmdirektor des ersten Westschweizer Radioprogramms,
Jean-Charles Simon, einen populären Kandidaten hatte. In Neuenburg gewann
die FDP einen Sitz auf Kosten der Liberalen. Im Kanton Jura büsste die
FDP zugunsten der SP ein Mandat ein. In Freiburg schlossen sich Christlichdemokraten
und Freisinnige erstmals seit 139 Jahren zu einer "Entente" zusammen, die sich
mit einem Sitzgewinn der CVP auf Kosten der SVP bezahlt machte. Die CSP, die
sich nicht in ein grosses links-grünes Bündnis einbinden liess, sondern
eine Listenverbindung mit der DSP einging, konnte ihren Sitz halten.
Nach einer vierjährigen
Siegesserie musste im Tessin die Protestbewegung Lega dei Ticinesi ihre erste
Niederlage einstecken: der umstrittene Lega-Mitbegründer und Parteipräsident
Giuliano Bignasca schaffte die Wiederwahl nicht, womit die Partei eines ihrer
beiden Nationalratsmandate verlor. Der Sitz ging an die SP, die zum ersten Mal
seit ihrem Zusammenschluss von 1992 als vereinte Partei, in einer Listenverbindung
mit der PdA und den Grünen, antrat. Zuvor bestand die Tessiner Linke aus
drei getrennten sozialistischen Parteien. Die Bisherige Mimi Lepori Bonetti
(cvp) musste ihren Sitz an Parteikollege Remiglio Ratti abgeben.
In sieben Kantonen (AI, GL, GR, OW, SH, UR und VS) kam es zu keinen Sitzverschiebungen.
Die Ständeratswahlen
(39 von 46 Sitzen mussten neu besetzt werden) wiederspiegelten in etwa den Ausgang
der Nationalratswahlen. Auch im Ständerat konnten SP und SVP zulegen. Die
SP gewann im Jura und in Genf je ein Mandat, während die SVP im Kanton
Aargau einen zusätzlichen Ständeratssitz holte. Die FDP bleibt mit
17 Sitzen stärkste Partei in der kleinen Kammer, verlor aber im Kanton
Jura ein Mandat. Die CVP konnte ihre 16 Mandate mit einem Sitzverlust im Aargau
und einem Sitzgewinn im Tessin halten. Die Liberalen (Genf) und die Lega (Tessin)
verloren je ein Mandat, womit die Lega nicht mehr im Ständerat vertreten
ist. Der LdU konnte seinen einzigen Ständratssitz mit Monika Weber (ZH)
verteidigen. Die Frauen konnten ihre Vertretung von vier auf acht Mandate verdoppeln.
In zehn Kantonen (AR, BE, BL, BS, GL, NE, SH, SO, SZ und TH) wurden die bisherigen
Abordnungen wiedergewählt. In den Kantonen Genf und Zürich kam es
mit den Doppeln Christiane Brunner (sp)/Françoise Saudan (fdp) und Monika
Weber (ldu)/Vreni Spoerry (fdp) erstmals zu rein weiblichen Standesvertretungen;
der Genfer Liberale Gilbert Couteau wurde abgewählt. Im Jura kam es gar
zu einem "Doppelsturz": An Stelle der beiden wiederkandidierenden Bisherigen
Nicolas Carnat (fdp) und Marie-Madeleine Prongué (cvp) wurden Pierre-Alain
Gentil (sp) und Pierre Paupe (cvp) gewählt.
In acht Kantonen
(AG, FR, LU, TI, UR, VD, VS, ZH) waren zweite Wahlgänge nötig, wobei
es vor allem in den Kantonen Aargau, Waadt und Freiburg zu einem harten Kampf
kam. Im Aargau wurde Willy Loretan (fdp) wiedergewählt, während der
bisherige SVP-Nationalrat Maximilian Reimann die CVP nach 63 Jahren aus dem
Stöckli verdrängen konnte. Josef Bürge (cvp) vermochte trotz
offizieller Unterstützung der SP den Sitz des zurücktretenden Hans
Jörg Huber nicht zu halten. In der Waadt war es im ersten Wahlgang PdA-Nationalrat
Joseph Zisyadis gelungen, 18,5% der Stimmen auf sich zu vereinigen. Obwohl die
PdA im zweiten Wahlgang das rot-grüne Ticket Yvette Jaggi (sp) und Daniel
Brélaz (grüne) unterstützte, konnte sich dieses gegen den Bisherigen
Jacques Martin (fdp) und Eric Rochat (lp) nicht durchsetzen. In Freiburg konnte
Pierre Aeby den zuvor während 16 Jahren von Otto Piller gehaltenen SP-Sitz
verteidigen und sich gegen die Kandidatin von FDP und CVP, Monique Pichonnaz
Oggier (fdp), durchsetzen. Damit erlitt die erstmalige CVP-FDP Allianz anders
als auf Nationalratsebene Schiffbruch. Dass die Zürcher Nationalrätin
Vreni Spoerry (fdp) überhaupt zu einem 2. Wahlgang antreten musste, verdankt
sie ihrer unglücklichen und stark kritisierten Rolle beim Versuch der Zürcher
FDP, anlässlich der Bundesratswahl die Zauberformel zu sprengen. In Luzern
machten Helen Leumann (fdp) und Franz Wicki (cvp) anstelle eines zweiten Wahlgangs
das Rennen in stiller Wahl.
Insgesamt sitzen 14 Neugewählte (davon drei bisherige Nationalräte)
im Ständerat, nachdem elf keine weitere Amtszeit angestrebt hatten und
drei nicht wiedergewählt wurden.
Die Erneuerungsrate
der beiden Kammern betrug mit 82 Neugewählten (unter Einbezug der drei
Übertritte aus dem National- in den Ständerat) 33,3%.
Der ehemalige SP-Präsident Helmut Hubacher (BS) bleibt ältester und
gleichzeitig amtsältester Parlamentarier (69; 32 Dienstjahre). Er hat aber
seinen Rücktritt innerhalb der Legislaturperiode 1995-99 angekündigt.
Nachdem im Sommer 1994 mit der 34jährigen Brigitta Gadient (svp, GR) die
jüngste Parlamentarierin nachgerückt war, gelang bei den diesjährigen
Wahlen dem 21jährigen Landwirt Toni Brunner (svp, SG) der Sprung in die
grosse Kammer, der damit nicht nur erster St. Galler SVP-Vertreter, sondern
auch bisher jüngster Volksvertreter wurde. Das Durchschnittsalter im neugewählten
Nationalrat blieb mit 50,5 Jahren stabil.
Den grössten Zuwachs an Interessenvertretern verzeichneten im neuen Parlament
laut der Zeitschrift "Facts" die Gewerkschaften, das Schwergewicht bleibt aber
bei der Wirtschaft: Mit dem Sulzer-Finanzchef Erich Müller (fdp, ZH) und
Ciba-Werkleiter Johannes Randegger (fdp, BS) wurden aktive Industrievertreter
in den Nationalrat gewählt, deren Zahl insgesamt leicht gestiegen ist.
Zurückgegangen ist die Zahl der Gewerbetreibenden sowie der Vertreter der
Bau-, der Elektro- und der Tourismuslobby. Auch hat die Zahl derjenigen Parlamentarier
abgenommen, die im Verwaltungsrat einer Bank oder einer Versicherung sitzen.
Der in bezug auf die Bevölkerung klar überproportionale Einfluss der
Bauern bleibt gewahrt: Ihre Vertreterzahl bleibt in ungefähr gleich und
erhält mit Marcel Sandoz (fdp, VD), Präsident des Bauernverbandes,
und SBV-Direktor Melchior Ehrler (cvp, AG) gewichtige Stimmen. Klar stärker
als die Mietervertreter bleiben die Hauseigentümer, während sich Umweltschützer
und Autovertreter die Waage halten. Starke Einzellobby bleibt die Kommunikationsbranche;
mit dem Herausgeber des "Trumpf Buur" Peter Weigelt (fdp, SG), dem Verleger
der "Schweizerzeit" Ulrich Schlüer (svp, ZH) und dem Fernsehmitarbeiter
Norbert Hochreutener (cvp, BE) schafften weitere bekannte Medienvertreter den
Sprung ins Parlament. Bezüglich der Ausbildung dominieren weiterhin die
Juristen und Juristinnen.
Die Frauen sind
im neuen Parlament nochmals stärker vertreten. Im Ständerat beträgt
der Frauenanteil neu 17,4%, wobei die FDP mit fünf von acht Vertreterinnen
die Mehrheit stellt. Im Nationalrat steigerten die Frauen ihren Anteil um 4
Prozentpunkte von 17,5 auf 21,5% (43; 1991: 35), was den grössten Zuwachs
seit Einführung des Frauenstimmrechts darstellt. Dabei bestätigte
sich für den Nationalrat die seit den achtziger Jahren bestehende parteipolitische
Polarisierung der Frauenrepräsentation: 58% der gewählten Frauen gehören
einer der rot-grünen Parteien an. Während 35% (19 von 54) der auf
SP-Listen Gewählten Frauen sind, stieg der Frauenanteil der FDP um sechs
Prozentpunkte auf 18% (8 von 45), die CVP-Frauen verbesserten sich um 3,5% auf
15% (5 von 34). Einen anteilsmässigen Rückschritt von 12% auf 10%
(3 von 29) erfuhren die SVP-Frauen. Weiterhin stammen die meisten gewählten
Frauen aus der deutschen Schweiz; der Frauenanteil in der Romandie verbesserte
sich aber um 6 Prozentpunkte auf 15%. Zwölf Kantone (1991: 13) sind von
keiner Frau im Parlament vertreten. Die Wahlchancen der Frauen waren bei den
Nationalratswahlen immer noch 1,9 mal geringer als jene der Männer.